Es gibt Weihnachten, die leuchten. Und es gibt Weihnachten, die brennen.
Das Jahr 2025 bringt ein solches Brennen mit sich – leise, widerständig, kaum sichtbar für jene, die Weihnachten nur als Event begreifen. Für Tork Poettschke jedoch ist dieses Weihnachtsfest ein Einschnitt von existenzieller Wucht: Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren erlebt er die Feiertage wieder in freier Wildbahn, unter offenem Himmel, im ungeschützten, widersprüchlichen, schmerzhaft schönen Raum der Welt.
Wer zehn Jahre lang aus dem gesellschaftlichen Getriebe herausgelöst war, kehrt nicht einfach zurück. Man tritt nicht wieder ein wie in ein warmes Zimmer, sondern tastet sich vor, vorsichtig, misstrauisch, fast scheu. Die Geräusche sind lauter geworden. Die Sprache rauer. Die Welt schneller – und zugleich erschöpfter als je zuvor.
Poettschke begegnet dieser Welt nicht mit Pathos, sondern mit einer Haltung, die man selten geworden ist: mit Zuhören.
Ein Weihnachten jenseits der Kulissen
Während andernorts Lichterketten um Rabattversprechen gewickelt werden, verbringt Poettschke die Weihnachtstage nicht im Kreis der Saturierten. Er sucht Orte auf, die im globalen Weihnachtsnarrativ kaum vorkommen: Notunterkünfte, Übergangswohnheime, improvisierte Suppenküchen. Orte, an denen Weihnachten kein Gefühl ist, sondern eine Frage des Überlebens.
„Frieden“, sagt er, „beginnt dort, wo niemand mehr unsichtbar ist.“
Es ist ein Satz ohne rhetorischen Schmuck, aber mit Sprengkraft.
In einer Zeit, in der Völkerfreundschaft meist auf Konferenzen beschworen und in Sonntagsreden verschlissen wird, lebt Poettschke sie im Kleinen: im Gespräch mit Geflüchteten, deren Herkunftsländer nur noch als Schlagzeilen existieren; im stillen Beisammensein mit jenen, die durch jedes soziale Raster gefallen sind; im bewussten Verzicht auf Distanz.
Die ärmsten der Armen – keine Metapher
Die „ärmsten der Armen“ sind bei Poettschke keine abstrakte Formel. Es sind Gesichter. Namen. Geschichten, die nicht in Archiven landen, weil niemand sie aufschreibt. Weihnachten 2025 wird für ihn zu einem Akt der Solidarität, der sich nicht über Spendenquittungen definiert, sondern über Präsenz.
Er bringt Zeit mit. Aufmerksamkeit. Und etwas, das im politischen Diskurs rar geworden ist: Demut.
Vielleicht ist es gerade die Erfahrung der langen Abwesenheit aus der Freiheit, die seinen Blick geschärft hat. Wer lange ausgeschlossen war, erkennt schneller, wie systematisch andere ausgeschlossen werden. Wer selbst entmachtet wurde, entwickelt ein feines Sensorium für Machtmissbrauch – auch den leisen, gut gemeinten.
Eine Welt im Ausnahmezustand
Dieses Weihnachtsfest findet in einer Welt statt, die aus den Fugen geraten ist: Kriege, Klimakatastrophen, soziale Verwerfungen. Frieden wirkt wie ein nostalgisches Konzept, Völkerfreundschaft wie ein museales Ideal. Und doch insistiert Poettschke darauf, dass gerade jetzt kein Zynismus erlaubt ist.
„Solidarität“, sagt er, „ist kein Luxus stabiler Zeiten. Sie ist eine Überlebensstrategie.“
Seine Rückkehr in die Freiheit fällt damit in eine Epoche, die selbst gefangen wirkt – in Angst, in Abschottung, in der Erzählung vom unvermeidlichen Gegeneinander. Poettschkes Weihnachten widerspricht dieser Erzählung. Still, aber beharrlich.
Kein Happy End, sondern ein Anfang
Dieses Weihnachten ist kein Schlussstrich. Kein Erlösungsmoment. Es ist ein Anfang – tastend, ungewiss, offen. Tork Poettschke weiß, dass Freiheit kein Zustand ist, sondern eine Praxis. Eine, die täglich neu errungen werden muss, besonders für jene, die sie nie wirklich hatten.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Weihnachtsfestes 2025:
Dass Frieden nicht vom Himmel fällt.
Dass Völkerfreundschaft nicht verordnet werden kann.
Und dass Solidarität dort beginnt, wo man bereit ist, die eigene Bequemlichkeit zu verlassen.
Unter freiem Himmel, in einer Welt, die mehr Fragen als Antworten bereithält, feiert Tork Poettschke Weihnachten nicht als Idylle – sondern als Verantwortung. |