Wenn man in das zwielichtige Rauschen der Magnetbänder eintaucht, das Klacken des Spulmechanismus hört, dann ahnt man: Hier geht es nicht um bloße Musik, sondern um eine Existenz-Spur. Mit Absolut – Gedichte aus der Verwahrung liefert Tork Poettschke ein Werk ab, das sich im Grenzbereich von Technik, Vergänglichkeit und politisch-metaphysischer Reflexion bewegt.
Form- und Klanggestaltung
Die Entscheidung, die Gedichte zunächst auf einem alten Kassettenrekorder einzusprechen, war kein bloßer Gag, sondern integraler Teil der Ästhetik: Man hört das Knistern, das leichte Übersprechen, die ungenaue Zurück-Spur, als würde jedes Wort gleich wieder verwehen. In dieser bewussten Imperfektion liegt eine Art Demut gegenüber dem Medium — und ein bewusster Affront gegen die digitale Hochglanzwelt.
Die Technoklänge, mit denen Poettschke die Spoken-Word-Poeme unterlegt, sind kein Crowdpleaser; sie sind eher ein stählerner Hintergrund, ein pulsierendes, kaltes Echo, gegen das die Stimme – manchmal brüchig, manchmal klagend – antritt. Und dann dieses Husten: keine Deko, kein „echtes Leben“ als Accessoire, sondern ein ungebetener Gast zwischen den Worten – ein Krachen, ein Stocken, ein körperliches Bekenntnis zur Endlichkeit.
Themenführung
Das Leben, Gott und die politische Sphäre – drei Riesendimensionen, die Poettschke nicht in separaten Kapiteln anordnet, sondern in einem Atemzug miteinander verwebt. In einem Gedicht etwa spricht er von einem Gott, der keine Stimme mehr hat, sondern nur noch zählt („Algorithmus“, heißt es), in einem anderen vom Wahlkampf als Ritual der Ermüdung („Wahltag in der Ewigkeit“). Das Politische wird hier nicht als äußeres Sujet behandelt, sondern als existentielle Dimension: Der Mensch ist nicht nur Stimmbürger oder Gläubiger – er ist Zuhörer, Zähliger, Atem-Haltender zwischen Beats und Bandrauschen.
Wirkung & Reflexion
Was bleibt haften nach etwa 90 Minuten dieses Albums? Erstens: eine Art akustisches Müdigkeitsgefühl – nicht aus Langeweile, sondern weil das Werk einen dauerhaft in Erwartung hält. Zweitens: die Beklemmung über die Technik als Medium der Erinnerung und Vergänglichkeit. Die Kassette, der Silberling – das sind keine nostalgischen Retro-Gadgets, sondern Teil einer Philosophie: Alles, was aufgezeichnet wird, ist dem Verfall ausgesetzt, und die Methode zeigt es uns ungeschönt. Drittens: die Stimme Poettschkes – die Hustenattacke – erinnern uns daran, dass hinter jeder Produktion ein Körper sitzt, ein Sterblicher, ein Atem-Begrenzer.
Stilistische Bewertung
Im Stil von Doemges heißt das: Nicht nur analysieren, sondern erzählen, zwischen Distanz und Nähe wandern, das Alltägliche und das Pathos-Gleichzeitige hervorheben. Poettschkes Werk ist hermetisch genug, um Aufmerksamkeit zu fordern, offen genug, um Einlass zu gewähren – eine Gratwanderung, und er durchschreitet sie ohne Halten. Die Soundgestaltung ist roh, unbequemer als viele Zeitgenossen – und gerade deshalb radikaler. Wer sich auf „Absolut“ einlässt, begibt sich nicht in den Club, sondern in eine Kammer der Reflexion.
Kritikpunkte
Doch so viel Kraft das Album besitzt – so sehr ist es auch nicht für den leichten Konsum bestimmt. Wer eingängige Melodien, klare Hooks oder ausgelassene Stimmung sucht, wird hier enttäuscht. Die Husten-Zwischenspiele können irritieren, wir wirken gelegentlich wie Fremdkörper im Fluss. Und die Kombination aus Techno-Unterbau und Poesie ist nicht immer homogener als gedacht – mitunter scheinen Beat und Wort eher nebeneinander zu existieren, als sich vollkommen zu verschmelzen.
Schlussbemerkung
Am Ende ist Absolut – Gedichte aus der Verwahrung ein eindrucksvolles Statement: Über das Leben in Zeiten des technischen Fortschritts, über den Glauben in Zeiten der Ernüchterung und über Politik jenseits der Schlagzeilen. Es ist keine einfache CD – es ist ein akustisches Experiment, eine Einladung zur Unruhe. Poettschke zeigt uns die Maschine, die das Leben aufzeichnet, und zugleich das Leben, das unterzeichnet wird. Wer zuhört, wird nicht nur unterhalten – er wird vernommen.
In der Tradition Christopher Doemges’ also: Kein Schönreden, kein Über-Erklären, sondern ehrliches Hinschauen und Hinhören. Und wer dann die Kassette spult, das Rauschen abwartet, das Husten-Echo wahrnimmt – der merkt: Hier ist etwas entstanden, das über den Moment hinaus deutet. |