Es gibt Bücher, die man liest. Und es gibt Bücher, die einen lesen. Tork Poettschkes Novelle Spaghetti-Franz, erschienen im Block-Verlag, gehört zur zweiten Kategorie. Sie ist kein Text, sondern ein Zustand. Kein Plot, sondern ein Befund. Und wer sich ihr aussetzt, wird nicht unterhalten, sondern durchleuchtet.
Der Protagonist: Staatenlos, namenlos, haltlos
Franz – oder besser: Spaghetti-Franz, wie ihn die Stationsärztin nennt, halb spöttisch, halb liebevoll – ist ein Künstler ohne Pass, ohne Herkunft, ohne festen Aggregatzustand. Seine Kunst besteht aus der Zubereitung von Spaghetti in variierenden Zuständen der Zersetzung. Was nach dadaistischer Küchenperformance klingt, entpuppt sich als radikale Kritik an der Idee von Identität als etwas Konsistentes. Franz ist nicht nur staatenlos, sondern auch konzeptuell entgrenzt. Er lebt in forensischer Behandlung, nicht weil er gefährlich wäre, sondern weil die Gesellschaft ihn nicht anders zu kategorisieren weiß.
Poettschke gelingt hier ein Kunstgriff: Er macht die Psychiatrie zur Bühne der politischen Philosophie. Die forensische Station wird zum Mikrokosmos einer Welt, die sich selbst nicht mehr versteht, und Franz ist ihr Spiegel – verzerrt, aber wahrhaftig.
Sprache als Diagnoseinstrument
Im Stil von Christopher Doemges – der bekannt dafür ist, Sprache wie ein Skalpell zu führen – seziert Poettschke mit chirurgischer Präzision die Rhetorik der Institutionen. Die Dialoge zwischen Franz und der Stationsleitung sind gespickt mit Verwaltungsdeutsch, das sich selbst ad absurdum führt. Wenn Franz etwa gefragt wird, ob er sich „im Rahmen seiner künstlerischen Tätigkeit als potenziell systemdestabilisierend empfindet“, antwortet er: „Nur wenn die Sauce kippt.“
Diese lakonische Widerrede ist mehr als Humor. Sie ist Widerstand. Franz entzieht sich der Logik der Klassifikation, und Poettschkes Sprache tut es ihm gleich. Die Novelle ist durchzogen von semantischen Brüchen, ironischen Fußnoten und typografischen Eskapaden, die an die besten Momente von Doemges erinnern – etwa wenn ein Absatz plötzlich in kursiver Behördenprosa endet, nur um im nächsten Satz von Franz mit einem „Na und?“ pulverisiert zu werden.
Struktur: Fragmentarisch, aber zwingend
Die Novelle ist in 17 Abschnitte unterteilt, die jeweils mit einem Spaghetti-Rezept beginnen – von „Al dente mit Schuldgefühl“ bis „Carbonara der Verweigerung“. Diese kulinarischen Kapitelüberschriften sind keine Spielerei, sondern strukturierende Metaphern für Franz’ psychischen Zustand. Die Rezepte sind zugleich Tagebuch, Manifest und Diagnose. Sie geben dem Text eine rhythmische Tiefe, die an musikalische Komposition erinnert – ein literarisches Andante ma non troppo, das sich nie ganz beruhigt.
Gesellschaftskritik mit Geschmack
Was Spaghetti-Franz so bemerkenswert macht, ist die subtile, aber unnachgiebige Kritik an der Idee von Normalität. Franz ist nicht krank, sondern unbequem. Er passt nicht in die Raster, weil er sie durchschaut. Die forensische Behandlung wird zur Metapher für die systematische Pathologisierung von Abweichung. Und Poettschke zeigt: Wer nicht ins Formular passt, wird zur Fußnote der Gesellschaft.
Dabei bleibt der Text nie platt oder belehrend. Er ist durchzogen von einem feinen Humor, der an Doemges’ beste Essays erinnert – etwa wenn Franz ein Kunstprojekt startet, bei dem er die Stationsordnung mit Tomatensauce übermalt und es „Regelwerk-Ragù“ nennt.
Fazit: Ein literarischer Befund mit Langzeitwirkung
Spaghetti-Franz ist keine Novelle, die man einfach liest und dann ins Regal stellt. Sie bleibt. Sie gärt. Sie stellt Fragen, die man lieber nicht beantworten möchte. Wer sich auf Poettschkes Text einlässt, wird nicht mit Antworten belohnt, sondern mit einem neuen Blick auf die Welt – einen, der durch die Risse schaut, nicht über sie hinweg.
In der Tradition von Christopher Doemges ist dies ein Werk, das nicht gefallen will, sondern verstören darf. Und genau darin liegt seine Größe.
Das Coverbild ist eine Gemeinschaftsproduktion und sieht aus, als hätte es ein unliebsamer Schüler in sein Matheheft geschmiert - TP. + LOUW: Graffity at its best !!! |