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Wie die DDR mit ihren missliebigen Bürgern umging
12.10.2017 11:04:36
Peter Kränzler erlebte als Zeitzeuge Repressalien und die Verhaftung seines Vaters

Usingen - Michelbach - Es war ein Tag im Herbst des Jahres 1952, den der damals 12jährige Peter Kränzler nicht mehr vergessen wird. Als er von der Schule heimkehrte, verweigerten ihm Leute von der Stasi den Zugang zu seinem Elterhaus in Apolda/Thüringen. Was war geschehen? Sein Vater Martin, von Beruf Maler, war am 28. November 1952 festgenommen und in die Haftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Erfurt eingeliefert worden. Später wurde er zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei mehreren Hausdurchsuchungen durch die Stasi hatte man verbotenes Schrifttum der Wachtturm-Gesellschaft entdeckt. Man durchsuchte bis in den letzten Winkel alle Schränke, die Matratzen, ja das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden. Sogar der Kohlendreck wurde umgeschippt und das Plumpsklo mit Hilfe von Stangen durchstochert. Auf einmal machte sich ein Stasimann mit einem starken Schnappmesser an der Verschalung der Treppe zu schaffen. Er wollte alle Nägel entfernen um zu sehen, ob dort etwas versteckt war. Doch er hörte einfach ohne Grund auf. Wenn er die dort versteckte Literatur gefunden hätte, hätte das für den Vater, Martin Kränzler, wohl noch mehr Jahre im Gefängnis bedeutet.

Was machte einen Handwerker eigentlich so gefährlich? Seine einzige Schuld bestand darin, dass er als Zeuge Jehovas in der damaligen DDR seinen Glauben auslebte. Nach einem Schauprozeß war die Glaubensgemeinschaft am 4. Oktober 1950 verboten worden. Auch sein Sohn Peter konnte sich den Repressalien des SED-Regimes nicht entziehen. So wurde an der Pestalozzi-Schule in Apolda jeden Montag der Fahnenappell durchgeführt. An dieser hochpolitischen Zeremonie mussten alle Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse mit blauem Halstuch und weißem Hemd im Schulhof vor der Fahne aufmarschieren. Da Peter Kränzler politisch neutral war, konnte er es mit seiner Einstellung nicht vereinbaren, den Fahnengruß mitzumachen. Auch weigerte er sich, das Symbol der jungen Pioniere zu tragen. Bei den Appellen wurde immer das Schultor verschlossen und jeder Zuspätkommende vom Schulleiter Schwarzkopf mit Strafen belegt. Da seine Eltern an den Wahlen der Volkskammer nicht teilnahmen und auch den Appell für die Ächtung der Atombombe nicht unterschrieben, geriet Peter Kränzler immer mehr unter Druck. Weil seine Eltern diese Parolen nicht unterschrieben musste er ständig folgende Fragen, auch von den anwesenden Stasileuten über sich ergehen lassen: „Warum bist du nicht bei den jungen Pionieren?“ „Wo ist dein Vater?“. Meine Antworten waren immer dieselben: „Mein Vater sitzt im Zuchthaus weil er an Gott glaubt und ich bin nicht bei den jungen Pionieren, weil ich meiner Mutter nach der Schule helfen muß“. „Im Zuchthaus sitzt bei uns niemand, der an Gott glaubt, sondern nur Staatsfeinde und Handlanger des westdeutschen Imperialismus“, wurde ich vom Schulleiter Schwarzkopf belehrt.
Nach der Inhaftierung des Vaters begann für die Familie eine lange Zeit der Unsicherheit. Wie konnte die Mutter die Familie mit fünf Kindern versorgen, wenn der Vater und Ernährer inhaftiert war? Die Lösung bestand in der Heimarbeit für eine Strick- und Wirkwarenfabrik, die oftmals nachts durchgeführt wurde, sowie in dem Verkauf von Blumen. Auch Heizmaterial war knapp und so versuchte Peter Kränzler die am Bahnhof von den Güterwagen herunterfallenden Briketts aufzulesen. Diese sogenannten „Knäckerchen“ gab es nicht zu kaufen, denn sie waren nur für die Heizkraftwerke bestimmt. Normale Haushalte bekamen Braunkohlendreck aufgrund von Kohlenkarten zugewiesen, die aber meistens ausverkauft waren. Später hetzte die sogenannte Transportpolizei Hunde auf die Menschen, um das Auflesen der Kohlen zu verhindern.
Am 19. September 1956 war es dann soweit. „Es klopfte jemand ganz fest an die Haustür. Ich schaute aus dem Fenster und siehe da, mein Vater stand vor der Tür. Ich rannte die Stufen herunter um zu öffnen. Wir drückten uns beide ganz fest, nach einem fast 4jährigen Aufenthalt im Zuchthaus flossen reichlich Tränen, ich konnte mich kaum beruhigen“.
Trotz verstärkter Kontrollen an den Sektorengrenzen vor dem Mauerbau gelang es der Familie schließlich nach West-Berlin zu flüchten. Von dort aus kam sie nach Waldshut, wo sie die damals 35-köpfige Versammlung der Zeugen Jehovas unter-stützte.
Im Jahre 1990 wurde die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas auf dem Gebiet der DDR wieder rechtlich anerkannt. Für Jehovas Zeugen in der DDR galt wie auch schon unter dem Naziregime das Gebot aus der Apostelgeschichte Kapitel 5, Vers 28: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen“.
Peter Kränzler heiratete am 17. Juli 1965 seine Frau Gerda und wohnt seitdem in Michelbach. Die Eltern von Gerda Kränzler gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Versammlung Usingen. Seine Großmutter Hedwig Lange gehörte schon 1928 zu der Versammlung der Ernsten Bibelforscher in Apolda.

veröffentlicht von Schalies Hans-Joachim


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